Eine genetische Studie der Universität Granada sorgt auch ein Jahr nach ihrer Veröffentlichung weiter für Diskussionen: Spanier – selbst jene aus traditionell „maurisch geprägten“ Regionen wie Granada, Málaga oder Almería – teilen genetisch mehr Gemeinsamkeiten mit Norwegern als mit Nordafrikanern. Der in Nordafrika dominante Haplogruppentyp E3b2 kommt in Spanien nur bei etwa 6 % der Bevölkerung vor
Redaktion Spanien Press
Diese Erkenntnis stellt nicht nur historische Vorstellungen auf den Kopf, sondern bestätigt auch, was einige Historiker seit Langem vermuten: Während der muslimischen Herrschaft in Al-Andalus lebten Christen, Muslime und Juden zwar über Jahrhunderte nebeneinander – aber nicht miteinander. Eine echte genetische Durchmischung scheint kaum stattgefunden zu haben.
„Es gab kulturelle Koexistenz, aber keine tiefgreifende genetische Vermischung“, so das Fazit von Forscherin María Saiz Guinaldo vom Laboratorio de Identificación Genética der Universität Granada. Nach der Vertreibung der Mauren und der gezielten Neubesiedlung durch Christen aus Nordspanien im 16. Jahrhundert verblieb kaum ein genetischer Fußabdruck der nordafrikanischen Bevölkerung.
Spanier sind genetisch „europäischer“ als gedacht
Weitere Studien, unter anderem aus Santiago de Compostela und in Zusammenarbeit mit der Universität Oxford, zeigen:
- Galicier haben mit etwa 11 % den höchsten Anteil an arabisch-nordafrikanischen Genen in Spanien – eine Folge der Migration muslimischer Bevölkerungsgruppen nach Nordspanien.
- Die Basken teilen 90 % ihrer DNA mit Franzosen,
- In Westspanien finden sich genetische Anteile aus Irland (bis zu 17 %) und Italien,
- Der dominierende Haplogruppentyp in Spanien ist R1b – typisch für Westeuropa – und tritt bei 50 % der Spanier, im Baskenland und Katalonien sogar bei 80 % auf.
800 Jahre Herrschaft – aber kaum Spuren im Erbgut
Die Vorstellung, dass Andalusier „afrikanischer“ als der Rest der Spanier seien, hält genetischen Untersuchungen nicht stand. Selbst in Regionen mit jahrhundertelanger islamischer Präsenz ist die genetische Nähe zum Rest Europas deutlich größer als zum Maghreb. Auch im Vergleich zu Italien oder Griechenland, wo es keine islamische Herrschaft gab, sind die genetischen Unterschiede gering.
Und die Forschung geht weiter
Die Forscherinnen und Forscher betonen, dass diese Ergebnisse erst der Anfang seien. Weitere Analysen sollen folgen, um das komplexe genetische Mosaik der Iberischen Halbinsel noch genauer zu erfassen. Geplant sind erweiterte Studien mit größerer Datenbasis, auch unter Einbeziehung alter Knochenfunde und neuer DNA-Technologien.
Die implizierten Konsequenzen sind vielfältig – nicht nur für unser historisches Selbstverständnis, sondern auch für Debatten rund um kulturelle Identität, Migration und Nationenbildung.
DNA-Tests verändern unsere Sicht auf Geschichte und Herkunft
Die wachsende Popularität kommerzieller DNA-Tests – von Ahnenforschung bis zu Gesundheitsanalysen – verändert derzeit weltweit das Bewusstsein für Abstammung, Geschichte und Identität. Was früher durch äußere Merkmale, familiäre Erzählungen oder nationale Mythen definiert wurde, wird heute immer öfter durch wissenschaftliche Daten hinterfragt.
Spanien ist dabei kein Einzelfall. Auch in anderen Ländern Europas werden historische Narrative durch genetische Erkenntnisse neu beleuchtet – und teils widerlegt.
Die Gene erzählen eine Geschichte, die oft nicht mit der offiziellen Geschichtsschreibung übereinstimmt. Und genau das macht diese Studien so brisant – und so faszinierend.
