Wie sehen sich die Spanier gegenseitig? Die regionalen Klischees, die fast jeder in Spanien kennt

Spanien ist geprägt von starken regionalen Identitäten, unterschiedlichen Traditionen, Mentalitäten und Lebensweisen. Credit Alain Roullier (Unsplash)

Die Andalusier sind lustig und nehmen es mit der Eile nicht so genau, die Katalanen achten aufs Geld, die Basken sind stark und direkt, die Galicier antworten auf eine Frage mit einer Gegenfrage – und die Madrilenen sind überzeugt, dass sich die Welt im Grunde um Madrid dreht. Spanien besteht nicht nur aus unterschiedlichen Landschaften, Sprachen und Küchen. Das Land verfügt auch über ein beeindruckendes Arsenal regionaler Klischees, mit denen sich die Spanier seit Generationen gegenseitig beschreiben – und aufziehen.

Redaktion Spanien Press

Wer Spanien wirklich verstehen möchte, sollte nicht nur wissen, dass das Land aus 17 autonomen Gemeinschaften besteht und neben dem Spanischen mehrere weitere Sprachen gesprochen werden.

Man sollte auch wissen, wie die Spanier einander sehen.

Fragen Sie einen Spanier, wie die Menschen in einer anderen Region seien, und die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass er eine Antwort parat hat.

Ob sie stimmt, ist eine ganz andere Frage.

Es geht um die klassischen regionalen Klischees: Karikaturen, die über Generationen weitergegeben wurden und von Geschichte, unterschiedlichen Lebensweisen, Dialekten, wirtschaftlichen Rivalitäten, Fußball und natürlich vom spanischen Humor leben.

Fast niemand kommt dabei ungeschoren davon.

Andalusien: Humor, Lebensfreude – und bloß keine unnötige Eile

Kaum ein regionales Klischee ist in Spanien so verbreitet wie das über die Andalusier.

Sie gelten als offen, lustig, kommunikativ, gastfreundlich, manchmal ein wenig übertrieben – und grundsätzlich in der Lage, aus fast jeder Situation ein Gespräch zu machen.

Daneben existiert das weniger schmeichelhafte alte Klischee vom Andalusier, der es mit der Arbeit nicht allzu eilig nimmt und immer noch Zeit für eine cerveza findet.

Natürlich ist es ziemlich unsinnig, eine entspanntere und sehr soziale Lebenskultur mit mangelndem Fleiß gleichzusetzen.

Aber das Klischee existiert.

Und dann ist da noch die Sprache.

Wer sein Spanisch ordentlich in einer Sprachschule in Berlin gelernt hat und zum ersten Mal in Cádiz landet, könnte kurz an seinen bisherigen Sprachkenntnissen zweifeln.

„Ist das noch Spanisch?“

Ja.

Man muss nur sein Ohr ein wenig trainieren.

Wobei bereits die Bezeichnung „die Andalusier“ problematisch ist: Ein Sevillaner, ein Gaditano aus Cádiz, ein Granadino und ein Malagueño dürften einiges einzuwenden haben, wenn man sie alle in dieselbe Schublade steckt.

Katalonien: fleißig, geschäftstüchtig – und sehr aufmerksam beim Geld

Eines der ältesten Klischees über Katalanen lautet, sie seien fleißig, unternehmerisch, pragmatisch und gute Geschäftsleute.

Und dann kommt unweigerlich das Geld.

Seit Generationen kursieren in Spanien Witze über angeblich geizige Katalanen oder zumindest über Menschen, die ihre Brieftasche nur nach gründlicher Abwägung öffnen.

Ähnliche regionale Klischees gibt es übrigens in zahlreichen europäischen Ländern.

Die katalanische Variante dürfte auch mit der langen Handels-, Industrie- und Unternehmertradition der Region zusammenhängen. Die populäre Karikatur hat daraus irgendwann etwas sehr viel Größeres gemacht.

Wenn bei einem gemeinsamen Essen die Rechnung kommt und jemand darauf besteht, sie bis auf den letzten Cent exakt aufzuteilen, ist ein Katalonien-Witz jedenfalls nicht völlig ausgeschlossen.

Fair?

Nicht unbedingt.

In Spanien bekannt?

Absolut.

Galicien: Kommt darauf an

Wie sind eigentlich die Galicier?

Die stereotypische Antwort könnte lauten:

„Kommt darauf an.“

Galicier gelten im spanischen Klischee als zurückhaltend, vorsichtig und manchmal schwer zu durchschauen – als Menschen, die eine Frage gerne mit einer Gegenfrage beantworten.

Dazu gehört der alte spanische Witz: Trifft man einen Galicier auf einer Treppe, weiß man angeblich nie, ob er gerade hinauf- oder hinuntergeht.

Die berühmte retranca gallega trägt einiges zu diesem Bild bei: ein subtiler, trockener und manchmal wunderbar doppeldeutiger Humor.

Gleichzeitig verbindet man Galicien mit Bodenständigkeit, Heimatverbundenheit, Gastfreundschaft – und natürlich mit hervorragendem Essen.

Spätestens beim Thema Meeresfrüchte wird die Diskussion ohnehin schwierig.

Galicien spielt da für viele Spanier in einer eigenen Liga.

Baskenland: stark, direkt – und vermutlich in der Lage, einen Felsbrocken zu heben

Das spanische Klischee vom Basken könnte beinahe aus einem Comic stammen.

Groß, stark, direkt, loyal, ein bisschen grob und nicht unbedingt für überflüssiges Drama zu haben.

Die traditionellen baskischen Kraftsportarten haben erheblich zu diesem Bild beigetragen: Steine heben, Baumstämme hacken und andere Disziplinen, bei denen Außenstehende bereits vom Zuschauen Rückenschmerzen bekommen können.

Dazu kommt das Klischee eines ausgeprägten Selbstbewusstseins.

Und natürlich das Essen.

Denn spätestens bei Pintxos und der Küche von San Sebastián oder Bilbao verschwinden viele regionale Meinungsverschiedenheiten erstaunlich schnell.

Madrid: Alles ist nur 20 Minuten entfernt

Beim Madrilenen funktioniert das Klischee etwas anders.

Er gilt als schnell, direkt, kontaktfreudig, leicht hektisch – und gelegentlich davon überzeugt, dass Madrid das natürliche Zentrum des bekannten Universums ist.

Außerdem scheint laut Madrilenen in Madrid grundsätzlich alles „20 Minuten entfernt“ zu sein.

Der Rest Spaniens weiß: Das kann durchaus 45 Minuten Metro, einen Bus und anschließend noch zehn Minuten Fußweg bedeuten.

Dabei besitzt Madrid eine interessante Besonderheit. Ein großer Teil der Bevölkerung oder ihrer Familien stammt ursprünglich aus anderen Teilen Spaniens.

Daher kommt auch die oft gehörte Vorstellung, Madrid gehöre irgendwie allen.

Das hält einen Madrilenen natürlich nicht zwingend davon ab, einem Andalusier, Valencianer oder Asturier zu erklären, wie bestimmte Dinge eigentlich richtig gemacht werden.

Valencia: Feuer, Feste – und bei Paella hört der Spaß auf

Valencianern wird nachgesagt, sie seien lebenslustig, laut, mediterran und ausgesprochen begeistert von Feuer und Knallkörpern.

Die Fallas haben wenig dazu beigetragen, dieses Bild zu widerlegen.

Bei einem Thema allerdings wird es ernst:

Paella.

Ein ausländischer Besucher kann Chorizo in eine Paella werfen und stolz verkünden, er habe ein typisch spanisches Gericht gekocht.

Ein Valencianer könnte darin eine persönliche Provokation erkennen.

Reis, Zutaten, Pfanne, Feuer, Garzeit – in Valencia ist Paella nicht einfach nur ein Gericht.

Sie ist eine emotionale Angelegenheit.

Asturien: Berge, Sidra – und sehr viel Liebe zur eigenen Heimat

Asturier gelten als bodenständig, herzlich, widerstandsfähig und ausgesprochen stolz auf ihre Region.

Fragen Sie einen Asturier nach seiner Heimat, und es besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass Sie fünf Minuten später selbst darüber nachdenken, nach Asturien zu ziehen.

Berge, Atlantik, Fabada, Cachopo, Käse und natürlich Sidra.

Wobei Sidra nicht einfach eingeschenkt wird.

Sie wird escanciada – aus einiger Höhe ins Glas gegossen.

Einem Besucher beim ersten Versuch zuzusehen, kann durchaus Unterhaltungswert haben.

Kastilien und León: ernst, widerstandsfähig und nicht verschwenderisch mit Worten

Die Bewohner des kastilischen Binnenlandes erscheinen im traditionellen spanischen Klischee als nüchtern, ernst, robust und eher zurückhaltend.

„Wenig Worte“ trifft die Vorstellung ziemlich gut.

Die weiten Landschaften, harten Winter und die historisch stark ländliche Kultur haben dieses Bild des etwas spröden Charakters sicherlich mitgeprägt.

Als Gegenstück zum Klischee des Andalusiers, der an einer Bushaltestelle innerhalb von drei Minuten die Lebensgeschichte eines Fremden erfahren kann, steht der Kastilier, für den drei Sätze durchaus eine vollständige Unterhaltung darstellen können.

Aragón: stur – und ziemlich stolz darauf

Wenn es ein Wort gibt, das in Spanien immer wieder mit den Aragonesen verbunden wird, dann ist es „cabezón“.

Dickköpfig.

Diplomatischer könnte man sagen: ausgesprochen hartnäckig.

Der Aragonese gilt als direkt, widerstandsfähig, unabhängig und schwer davon zu überzeugen, eine einmal getroffene Entscheidung wieder zu ändern.

Interessanterweise scheinen viele Aragonesen mit diesem Ruf gar kein großes Problem zu haben.

Im Gegenteil.

Einem Aragonesen beweisen zu wollen, dass Aragonesen nicht stur sind, dürfte ohnehin ein aussichtsloses Unterfangen sein.

Murcia: Die Region, die Spanien zum Meme gemacht hat

Murcia nimmt im modernen spanischen Humor eine Sonderstellung ein.

Das Internet hat die Region über Jahre zum Gegenstand absurder Witze gemacht.

„Existiert Murcia überhaupt?“

„Kennt jemand persönlich einen Menschen aus Murcia?“

Ja, Murcia existiert selbstverständlich.

Und zwar ziemlich erfolgreich.

Das klassische Bild des Murcianers ist das eines offenen, mediterranen und herzlichen Menschen, dessen Akzent allerdings für Spanisch-Anfänger durchaus eine Herausforderung darstellen kann.

Auch die berühmte Huerta de Murcia, eines der bedeutenden Obst- und Gemüseanbaugebiete Spaniens, prägt die Identität und Küche der Region stark.

Kanarische Inseln: Bloß keinen unnötigen Stress

Das Klischee über die Kanarier fällt meistens ausgesprochen freundlich aus.

Sie gelten als entspannt, sympathisch, gastfreundlich und nicht besonders anfällig für unnötige Hektik.

Auch ihre weiche Art zu sprechen fällt vielen Festlandspaniern sofort auf und weist teilweise Ähnlichkeiten mit bestimmten lateinamerikanischen Sprachvarianten auf.

Vom spanischen Festland aus betrachtet gibt es durchaus ein wenig Neid auf das vermeintliche ewige Leben zwischen angenehmen Temperaturen, Strand und Atlantik.

Die Kanarier selbst könnten vermutlich ausführlich erklären, was an dieser Vorstellung alles nicht stimmt.

Und dann beginnen erst die Rivalitäten innerhalb der Regionen

Wer nun glaubt, damit sei das spanische Schubladensystem vollständig erklärt, unterschätzt das Land gewaltig.

Denn Spanier unterscheiden nicht nur zwischen autonomen Gemeinschaften.

Sevilla und Málaga. Sevilla und Cádiz. Oviedo und Gijón. A Coruña und Vigo. Alicante und Valencia. Teneriffa und Gran Canaria.

Die Rivalität zwischen zwei benachbarten Städten kann manchmal intensiver sein als die zwischen ganzen Regionen.

Die Frage, wer die besseren Strände, das bessere Essen, die schönere Altstadt oder die besseren Feste hat, kann aus einer völlig friedlichen Unterhaltung überraschend schnell eine Grundsatzdebatte machen.

Und vom Fußball haben wir an dieser Stelle noch gar nicht angefangen.

Ein Land, das gerne über sich selbst lacht

Bei all diesen Klischees darf eines nicht vergessen werden:

Sie sind Karikaturen – keine zuverlässigen Beschreibungen von Millionen Menschen.

Natürlich gibt es introvertierte Andalusier, verschwenderische Katalanen, Galicier, die eine Frage sofort eindeutig beantworten, kleine und zierliche Basken, kompromissbereite Aragonesen und Madrilenen, die überzeugt davon sind, dass man außerhalb Madrids besser leben kann.

Aber wer diese regionalen Stereotype kennt, versteht auch einen Teil des spanischen Humors besser.

Spanien ist ein außergewöhnlich vielfältiges Land. Regionale Identität spielt im Alltag nach wie vor eine große Rolle – bei Sprache und Akzent, Essen, Festen, Geschichte und manchmal sogar bei der Art, miteinander umzugehen.

Seit Generationen übertreiben die Spanier diese Unterschiede, diskutieren darüber und ziehen sich gegenseitig damit auf.

Allerdings gibt es dabei eine ziemlich universelle, ungeschriebene Regel:

Ein Spanier kann stundenlang über seine eigene Stadt oder Region schimpfen.

Aber wehe, jemand von außerhalb sagt genau dasselbe.

Dann ist der Spaß möglicherweise sehr schnell vorbei.

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