Málaga steht derzeit im Zentrum eines der bedeutendsten archäologischen Funde seiner jüngeren Stadtgeschichte. Im Zuge der Bauarbeiten zur Erweiterung der Metro in Richtung Hospital Civil wurde unter der Calle Hilera eine außergewöhnlich große römische Nekropole freigelegt. Was zunächst als kleinere archäologische Begleitung der Bauarbeiten begann, hat sich inzwischen zu einer Ausgrabung von unerwartetem Ausmaß entwickelt, die weit über die ursprünglichen Erwartungen hinausgeht. Die Zahl der entdeckten Gräber wächst kontinuierlich und macht deutlich, dass es sich um einen der größten antiken Bestattungsplätze handelt, die jemals im Stadtgebiet von Málaga dokumentiert wurden.
Redaktion Spanien Press
von Marlon Gallego Bosbach
Fast 700 Gräber aus der römischen Antike
Bislang haben die Archäologen rund 690 Gräber freigelegt, wobei nicht ausgeschlossen ist, dass diese Zahl in den kommenden Monaten noch weiter ansteigt. Die Nekropole datiert in die römische Kaiserzeit und erstreckt sich zeitlich etwa vom 1. bis zum 4. Jahrhundert nach Christus, als Málaga unter dem Namen Malaca eine wichtige Küstensiedlung innerhalb des römischen Reiches war.
Die Vielfalt der Bestattungsformen ist dabei besonders bemerkenswert. Neben einfachen Erdgräbern wurden auch Kremationen in Urnen entdeckt, ebenso wie mit Dachziegeln ausgekleidete Gräber, sogenannte Tegula-Gräber. Darüber hinaus fanden die Archäologen Holzsärge, vereinzelt auch Bleisärge, die vermutlich Personen mit höherem sozialem Status vorbehalten waren, sowie Bestattungen in Amphoren. Diese Bandbreite deutet auf eine sozial heterogene Gesellschaft hin, in der unterschiedliche Bestattungsriten und wirtschaftliche Möglichkeiten nebeneinander existierten.
Ein Friedhof am Rand der antiken Stadt
Die Nekropole befindet sich im heutigen Stadtgebiet von Málaga, im Bereich der Calle Hilera nahe der Avenida de Andalucía. Experten gehen davon aus, dass dieses Gebiet in römischer Zeit am Rand der antiken Stadt Malaca lag. Wie in vielen römischen Städten üblich, wurden Friedhöfe außerhalb der Stadtmauern angelegt, um die städtischen Wohnbereiche von den Bereichen der Toten zu trennen. Der Fund bestätigt diese historische Praxis eindrucksvoll und liefert zugleich neue Erkenntnisse über die Ausdehnung und Struktur der römischen Siedlung.
Ein Fund ohne historische Vorwarnung
Besonders überraschend für die Archäologen ist die Tatsache, dass es vor Beginn der Bauarbeiten keinerlei konkrete Hinweise auf eine derart große Nekropole an diesem Standort gab. Erst im Verlauf der Arbeiten wurden zunächst einzelne Gräber entdeckt, die anschließend immer wieder auf weitere Bestattungen hinwiesen. Im Laufe der Zeit entwickelte sich daraus ein zusammenhängendes und weitläufiges Begräbnisareal, das in seiner Gesamtheit die ursprünglichen Erwartungen bei weitem übertroffen hat. Damit hat sich das Gebiet zu einem der wichtigsten urbanen Archäologieprojekte Andalusiens entwickelt.
Auswirkungen auf den Metro-Ausbau
Die Entdeckung hat direkte Auswirkungen auf den Baufortschritt der Metro. Die Arbeiten mussten in Teilbereichen unterbrochen oder verlangsamt werden, um eine vollständige archäologische Untersuchung zu ermöglichen. Jedes einzelne Grab wird systematisch dokumentiert, untersucht und gesichert, bevor die Bauarbeiten an diesen Stellen fortgesetzt werden können.
Trotz der Verzögerungen betonen die zuständigen Behörden, dass das Gesamtprojekt nicht grundsätzlich infrage gestellt wird. Vielmehr wird versucht, den Ausbau der Infrastruktur mit dem Schutz des kulturellen Erbes in Einklang zu bringen. In diesem Zusammenhang wird auch diskutiert, ob Teile der Funde später in einem möglichen musealen Bereich innerhalb der Metroanlage präsentiert werden könnten.
Ein Fenster in 400 Jahre Stadtgeschichte
Die Nekropole bietet einen außergewöhnlichen Einblick in die Entwicklung der Stadt Málaga während der römischen Epoche. Über einen Zeitraum von rund vier Jahrhunderten wurden hier Menschen bestattet, was eine lange kontinuierliche Nutzung des Areals belegt. Die verschiedenen Grabtypen und Bestattungsrituale erlauben Rückschlüsse auf soziale Strukturen, wirtschaftliche Unterschiede und kulturelle Veränderungen innerhalb der damaligen Bevölkerung.
Für die Forschung ist dieser Fund besonders wertvoll, da er nicht nur einzelne Gräber, sondern ein nahezu vollständig erhaltenes städtisches Begräbnisareal dokumentiert, das sich unmittelbar unter einer modernen Großstadt befindet. Dadurch entsteht eine seltene Verbindung zwischen antiker Stadtgeschichte und heutiger urbaner Entwicklung.
Bedeutung für die Archäologie Spaniens
Mit der aktuellen Ausgrabung zählt Málaga nun zu den bedeutendsten Fundorten römischer Stadtarchäologie in Spanien. Die außergewöhnlich hohe Anzahl an Gräbern, die gute Erhaltung der Strukturen und die Lage mitten im heutigen Stadtzentrum machen die Nekropole zu einem Referenzprojekt für die Erforschung antiker Städte im urbanen Raum. Der Fund zeigt eindrucksvoll, wie moderne Infrastrukturprojekte ungewollt tief verborgene historische Schichten freilegen können, die das Verständnis der Vergangenheit grundlegend erweitern.
