In der nordspanischen Stadt Pamplona haben heute, am 6. Juli 2026, die Sanfermines begonnen – eines der bekanntesten, internationalsten und zugleich umstrittensten Volksfeste der Welt. Punkt 12 Uhr mittags wurde vom Rathausbalkon aus der traditionelle Chupinazo gezündet, der den offiziellen Startschuss für neun Tage Feierlichkeiten markiert.
Redaktion Spanien Press
von Marlon Gallego Bosbach
Tausende Menschen versammelten sich bereits Stunden vor dem Ereignis auf der Plaza Consistorial und in den umliegenden Straßen der Altstadt. Als die Rakete gezündet wurde, brach in der Innenstadt ausgelassener Jubel aus – begleitet von Champagner, Wasserfontänen und dem typischen roten und weißen Farbspektrum der Feiernden.
Die Sanfermines gelten heute als eines der internationalsten Volksfeste Spaniens – und zugleich als eines der kontroversesten. Weltweite Berühmtheit erlangte das Fest nicht zuletzt durch Ernest Hemingway, der Pamplona mehrfach besuchte und seine Eindrücke in einem seiner bekanntesten Romane verarbeitete: „Fiesta“, im englischen Original „The Sun Also Rises“. Das Werk, das bis heute an vielen Schulen und Universitäten in den USA gelesen wird, machte die Sanfermines international bekannt und prägte das Bild Pamplonas als Stadt zwischen Exzess, Tradition und literarischem Mythos.
Doch Hemingway war nicht der einzige prominente Bewunderer der Sanfermines. Auch der legendäre Regisseur Orson Welles fühlte sich von Pamplona, Spanien und der Welt der Stiere angezogen. Er besuchte die Stadt mehrfach und machte das traditionsreiche Hotel La Perla zeitweise zu einer Art Ausgangspunkt seiner Aufenthalte. Neben ihm wurden im Laufe der Jahrzehnte weitere internationale Namen mit den Festen in Verbindung gebracht, darunter Ava Gardner, Charlton Heston, Arthur Miller, Audrey Hepburn, Sean Connery oder Spike Lee. Die Sanfermines wurden damit nicht nur zu einem spanischen Volksfest, sondern zu einem kulturellen Mythos, der Literatur, Kino und internationale Prominenz gleichermaßen anzog.
Für viele stehen die Sanfermines zudem für ein Spanien ohne große Inszenierung: gastfreundlich, rau, direkt und fast mystisch. Anders als bei manchen anderen Festen geht es hier weniger darum, wer am elegantesten erscheint, wer das schönste Pferd präsentiert oder wer sich am besten in Szene setzt. In Pamplona steht die Feier stärker für Freundschaft, Gemeinschaft und das Leben selbst – ungeschönt, laut, intensiv und voller Widersprüche. Genau darin liegt ein Teil ihrer Faszination: Die Sanfermines zeigen Spanien nicht als perfekte Kulisse, sondern als lebendige Erfahrung zwischen Nähe, Risiko, Tradition und Ausgelassenheit.
Beginn eines Großereignisses mit internationaler Strahlkraft
Mit dem Chupinazo starten die Sanfermines offiziell in ihre Hochphase. Das Festival zieht jedes Jahr Besucher aus aller Welt an und gilt als eines der größten und bekanntesten Volksfeste Spaniens. Über mehrere Tage hinweg verwandelt sich Pamplona in eine dicht gefüllte Festzone mit Musik, Umzügen und traditionellen Veranstaltungen.
Pamplona enloquece con el „¡Ánimo pues!“🙌
La Plaza Consistorial se convierte en una marea blanca y roja tras el Chupinazo 🧨¡VIVA SAN FERMÍN!#SanferminesRTVE pic.twitter.com/RBCnyBbBuu
— RTVE (@rtve) July 6, 2026
Besonders bekannt sind die täglichen Encierros, die Stierläufe durch die engen Gassen der Altstadt, die jeweils am frühen Morgen stattfinden und weltweit medial begleitet werden. Sie sind zugleich der berühmteste und umstrittenste Teil des Festes: Für viele gehören sie untrennbar zur Tradition, für andere stehen sie für ein überholtes Verständnis von Risiko, Männlichkeit und Tierleid.
Temperaturen und Belastung durch große Menschenmengen
Der Auftakt der Feierlichkeiten steht in diesem Jahr unter sommerlich heißen Bedingungen. In Pamplona wurden Temperaturen um die 30 Grad gemessen, in der dicht gedrängten Innenstadt lag die gefühlte Belastung deutlich höher. Die Behörden warnen daher vor Hitzeproblemen und empfehlen ausreichend Flüssigkeitszufuhr sowie Schutz vor direkter Sonneneinstrahlung.
Gerade während des Chupinazo kommt es traditionell zu extrem hohen Besucherzahlen auf engstem Raum, was zusätzliche Anforderungen an Sicherheit und Organisation stellt.
Programm bis zum 14. Juli
Die Sanfermines dauern insgesamt bis zum 14. Juli und umfassen hunderte Einzelveranstaltungen. Neben den Stierläufen gehören dazu tägliche Stierkämpfe, Straßenumzüge mit traditionellen Figuren, Konzerte sowie zahlreiche kulturelle und religiöse Veranstaltungen.
Der erste offizielle Encierro findet am Morgen des 7. Juli statt und zählt zu den weltweit bekanntesten Momenten des gesamten Festes.
Ein Fest mit Tradition und internationaler Aufmerksamkeit
Die Sanfermines gelten als tief in der regionalen Tradition verwurzelt, haben sich jedoch längst zu einem globalen Ereignis entwickelt. Jedes Jahr reisen hunderttausende Besucher nach Pamplona, während Millionen Menschen das Geschehen über Medien und Livestreams verfolgen.
Der Chupinazo bleibt dabei der symbolisch wichtigste Moment: ein einziger Knall, der eine ganze Stadt in einen Ausnahmezustand aus Feier, Tradition und internationaler Aufmerksamkeit versetzt.
Gerade deshalb sind die Sanfermines mehr als ein Volksfest. Sie sind ein Spiegel Spaniens: leidenschaftlich, widersprüchlich, gastfreundlich, rau, mystisch, lebenshungrig – und immer wieder gezwungen, sich selbst neu zu hinterfragen.
Zehn Jahre nach „La Manada“: der dunkle Wendepunkt
Doch die Sanfermines stehen nicht nur für Tradition, Exzess und internationale Faszination. In diesem Jahr jährt sich auch einer der dunkelsten Momente der jüngeren spanischen Gesellschaftsgeschichte zum zehnten Mal: der Fall „La Manada“. Die Gruppenvergewaltigung einer jungen Frau während der Sanfermines 2016 erschütterte Spanien tief und löste eine beispiellose gesellschaftliche Debatte über sexuelle Gewalt, Macht, Schweigen und Zustimmung aus.
Der Fall wurde zu einem Wendepunkt. Aus der Empörung über die juristische Bewertung und die öffentliche Debatte entstand in Spanien eine neue Sensibilität für das Thema Zustimmung. Der gesellschaftliche Ruf „No es abuso, es violación“ prägte eine ganze Generation von Protesten und führte letztlich zu einem grundlegenden Wandel im Sexualstrafrecht: weg vom Prinzip „Nein heißt Nein“, hin zum Prinzip „Nur Ja heißt Ja“ – in Spanien bekannt als Gesetz des „solo sí es sí“.
Damit tragen die Sanfermines heute auch diese doppelte Bedeutung in sich: Sie bleiben eines der kraftvollsten, internationalsten und lebendigsten Volksfeste Europas. Gleichzeitig erinnern sie daran, dass Tradition und Freiheit nur dann Bestand haben können, wenn Sicherheit, Respekt und Zustimmung für alle gelten.
