Während viele klassische Urlaubsziele am Mittelmeer unter Hitze, steigenden Preisen und Massentourismus leiden, entdecken immer mehr Spanier und internationale Reisende den Norden des Landes. Galicien, Asturien, Kantabrien und das Baskenland stehen für eine andere Art von Spanien: grüner, frischer, traditioneller – und vielerorts noch erstaunlich authentisch. Doch der Süden bleibt Favorit, nur verschieben sich die Reisezeiten zunehmend in den Herbst, Winter und Frühling.
Redaktion Spanien Press
Spanien verändert seine touristische Landkarte. Jahrzehntelang war der Sommer für viele wohlhabende Spanier kulturell fast klar aufgeteilt: ein Teil der Ferien auf den Balearen, ein Teil in Marbella oder an der Costa del Sol – und für Familien mit traditionellerem Geschmack der Norden Spaniens, wo das Klima milder, die Küche exzellent und das gesellschaftliche Auftreten diskreter war.
Doch aus dieser alten Feriengewohnheit wird nun ein neuer Trend. Immer mehr Spanier blicken bewusst nach Norden. Nicht nur, weil es dort im Sommer kühler ist, sondern weil viele Reisende das suchen, was in manchen überfüllten Küstenregionen verloren gegangen scheint: echtes Leben, gewachsene Orte, lokale Kultur und ein Spanien, das nicht vollständig vom Tourismus überformt wurde.
Die „España Verde“ als Alternative zum überhitzten Mittelmeer
Galicien, Asturien, Kantabrien und das Baskenland bilden die sogenannte „España Verde“, das grüne Spanien. Statt endloser Hotelanlagen und überfüllter Strandpromenaden finden Besucher hier Steilküsten, Fischerdörfer, Berge, Wälder, wilde Strände und historische Städte.
Diese Regionen bieten ein anderes Spanienbild: weniger Beton, weniger Show, weniger Massentourismus – dafür mehr Landschaft, Gastronomie und Alltag. Gerade in Zeiten immer häufigerer Hitzewellen im Süden und am Mittelmeer gewinnt dieser Teil Spaniens deutlich an Attraktivität.
Während auf Mallorca, Ibiza, in Barcelona, an der Costa del Sol oder auf den Kanaren die Debatte über Overtourism, steigende Mieten und verdrängte Einheimische immer lauter wird, wirkt der Norden für viele wie ein Gegenentwurf. Nicht leer, nicht unentdeckt, aber vielerorts noch deutlich ausgewogener.
Galicien: Atlantik, Tradition und starke Identität
Galicien erlebt derzeit ein besonders starkes Interesse. Die Region verbindet Atlantikküste, grüne Landschaften, historische Städte, den Jakobsweg und eine Küche, die in Spanien längst Kultstatus hat. Meeresfrüchte, Albariño, Pulpo, kleine Häfen und alte Steindörfer prägen das Bild.
Für viele Reisende ist Galicien nicht nur ein Urlaubsziel, sondern ein Gefühl: rauer, ehrlicher und weniger inszeniert als viele mediterrane Hotspots. Hier wirkt Spanien noch tief verwurzelt in seinen lokalen Traditionen.
Asturien: Das stille Luxusgefühl
Asturien steht wie kaum eine andere Region für den Luxus des Einfachen. Kleine Küstenorte, die Picos de Europa, wilde Strände, Sidrerías und eine kräftige regionale Küche ziehen Besucher an, die Qualität suchen, aber keinen überdrehten Jetset.
Hier bedeutet Sommer nicht unbedingt Beach Club und Champagner, sondern Fabada in einem Dorfrestaurant, Apfelwein in einer Sidrería, grüne Berge und Strände, die nicht wie internationale Laufstege wirken. Genau diese Normalität wird für viele Reisende wieder wertvoll.
Kantabrien: Eleganz ohne Lärm
Auch Kantabrien profitiert vom neuen Blick nach Norden. Santander, Comillas, Santillana del Mar, Suances und die kantabrische Küste gelten seit Langem als Ziele für spanische Familien, die einen ruhigeren, kühleren und gepflegteren Sommer suchen.
Kantabrien hat etwas Diskretes. Es ist elegant, aber nicht protzig. Schön, aber nicht überverkauft. Gerade darin liegt sein Reiz für ein Publikum, das keine Lust mehr auf überfüllte Strände, überteuerte Restaurants und permanente touristische Inszenierung hat.
Das Baskenland: Gastronomie, Kultur und Selbstbewusstsein
Das Baskenland spielt touristisch in einer eigenen Liga. San Sebastián gehört seit Jahrzehnten zu den elegantesten Reisezielen Spaniens, Bilbao hat sich als moderne Kulturstadt etabliert, und die baskische Küche zählt zu den besten Europas.
Doch der Reiz des Baskenlands liegt nicht nur in Michelin-Sternen und Pintxos. Es ist die starke regionale Identität, die Besucher fasziniert. Architektur, Sprache, Küste, Märkte, Kultur und Gastronomie ergeben ein Spanienbild, das sich deutlich vom klassischen Klischee aus Sonne, Flamenco und Sangría unterscheidet.
Der Klimawandel verändert die Urlaubsgewohnheiten
Der wachsende Erfolg des Nordens hat auch mit dem Klima zu tun. Während Südspanien und viele Mittelmeerregionen immer häufiger unter extremen Temperaturen leiden, suchen Reisende zunehmend kühlere Alternativen. Der Begriff „Coolcation“ – Urlaub in kühleren Regionen – gewinnt in Europa an Bedeutung.
Für den Norden Spaniens ist das eine historische Chance. Er bietet Meer, Berge, Kultur, Gastronomie und angenehmere Temperaturen. Genau diese Mischung macht ihn für spanische Familien, internationale Urlauber und zunehmend auch ausländische Residenten interessant.
Der Süden bleibt Favorit – aber die Saison verschiebt sich
Trotz des wachsenden Interesses am Norden bleibt der Süden Spaniens für viele Urlauber weiterhin das bevorzugte Ziel. Andalusien, die Costa del Sol, Marbella, die Balearen und die Kanaren haben ihren Reiz keineswegs verloren. Im Gegenteil: Sonne, Meer, Gastronomie, internationale Atmosphäre und ein entspannter Lebensstil bleiben starke Argumente.
Was sich jedoch verändert, ist der Zeitpunkt der Reise. Während die Sommermonate im Süden für viele Besucher zunehmend heiß, teuer und überfüllt wirken, gewinnen Herbst, Winter und Frühling deutlich an Bedeutung. Gerade dann zeigt Südspanien seine große Stärke: milde Temperaturen, viele Sonnenstunden und ein Lebensgefühl, das in weiten Teilen Europas in der kalten Jahreszeit kaum zu finden ist.
Für viele Reisende entsteht damit eine neue Aufteilung: Der Norden wird im Hochsommer attraktiver, wenn grüne Landschaften und kühlere Temperaturen locken. Der Süden bleibt dagegen besonders in den Monaten außerhalb der klassischen Sommersaison unschlagbar – als Zufluchtsort vor Kälte, Regen und grauem Himmel.